Fallbeispiel


Innehalten für den „Ich-Klang“

Ein Weg zu vergrabenen Ressourcen und Bedürfnissen    -    Ein Fallbeispiel mit 2-jähriger Nachbegleitung

 

Anita F., 40 Jahre, Mutter von 3 Kindern und Hausfrau, völlig erschöpft, kommt, um eine Präventionswoche auf dem Kulturhof Sültemühle zu machen.

Ihr Wunsch ist es, die vergrabenen Ressourcen und Bedürfnisse wiederzufinden um den Alltag besser zu meistern. Nach einem  Anamnesegepräch im Vorfeld  erarbeiten wir einen auf sie zugeschnittenen Wochenplan.

Bei der Ankunft begegnet uns eine erschöpfte, blasse, in sich zurückgezogene zarte Frau, die außer Schlafen und Essen keine Bedürfnisse bei sich selbst wahrnehmen kann. Aber Ihr Wille zur Veränderung ist stark und so lässt sie sich willig auf die Therapieangebote ein.

Der Tag ist klar strukturiert und beginnt morgens mit einer Weckmusik von Harfe und Cello, die den Übergang vom Schlafen zum Wachen sanft begleitet.

Das Frühstück und dann der meditative Tagesbeginn, der den Prozess von Tag zu Tag reflektiert, öffnen den Raum für einen neuen Schritt an jedem neuen Tag.

Die Therapien, die wir nach Anitas Wünschen ausgewählt haben sind Gartentherapie, Musik- und Gesangstherapie und biographische Begleitung nach C.van Houten.

Am ersten Tag findet A. bei einem Spaziergang „ihren“ Baum, der sie von nun an durch die Woche begleiten wird. Mit vielen verschiedenen Aufmerksamkeitsübungen, die die Verbindung von Anita mit ihrem Baum intensivieren und die wir gemeinsam später reflektieren, vertieft sich spürbar ihr Verhältnis zur Natur und zu sich selbst. Der innere Garten, den Anita im Kleinformat gestaltet, zeigt Ihr neue Aspekte ihrer Persönlichkeit, die sie stärken. Außerdem gestaltet sie ein Kräuterbeet nach Ihren Vorstellungen und wir pflanzen Ihre in der Gartentherapie gefundene Kraftblume – eine weiße Ramblerrose- als krönenden Abschluss in ihrem Beet.

In der Musik- und Gesangstherapie spielen wir Leier und erarbeiten einige Gesangsübungen, die sie als Anregung und zur weiteren Vertiefung mit nach Hause nimmt. Sie geht dabei durch tiefe emotionale Prozesse und kann die Wirkung ihres Übens immer feiner reflektieren.

In der Biographischen Begleitung beleuchten wir mit Hilfe künstlerischer Prozesse belastende Alltagssituationen und  durch die Woche kann Anita verwandelnde Kräfte in sich wecken.

In den ersten 3 Tagen ist Anitas Bedürfnis nach Schlaf sehr stark und sie sehnt jede Pause herbei. Gleichzeitig beschreibt sie aber ihr Vertrauen zu uns und kann so auch die Therapiezeiten gut annehmen.

Am 4. Tag kommt der Umschwung, sie verzichtet freiwillig auf den Mittagsschlaf und beobachtet an sich ein erstarkendes Interesse an den Menschen um sie herum.  Ab diesem Moment werden unsere Tage noch intensiver. Sie geht immer wacher und freudiger an alle „Baustellen“ heran und wir begegnen einem innerlich sehr starken Menschen, der uns beim Abschied freudig umarmt und mit einem rosigen Glanz auf den Wangen in seinen Alltag heimkehrt.

Wir bleiben in Kontakt und nach 1,5 Jahren schildert Anita in einem Telefongespräch, dass sie sich jetzt „umgebaut“ fühlt, nachdem sie zu Hause über die ganze Zeit einige der Übungen in Ihren Alltag eingebaut hatte.

Heute studiert sie Waldorfpädagogik und hat selbst das Gefühl, dass diese intensiv begleitete Woche einen Umschwung in ihrem Leben bedeutet hat.